hiker wrote:Wieviel Sinologen gibt es, die nicht wirklich Chinesisch sprechen und die Kultur mit Sekundaerlieratur bearbeiten? Wieviele von denen kennen China aus Konferenzen und erklaeren alles mit Konfuzius?
Etliche. Ich glaube nicht, dass sich das in letzter Zeit grundlegend geaendert hat, zu "meiner" Zeit jedenfalls hiess es an Sinologien meist "Wenn Sie die Sprache lernen wollen, gehen Sie nach China. Wir machen hier wissenschaftliche Arbeit." Deshalb wurde die Studienrichtung "Sprachhandwerker" (Dolmetscher/Uebersetzer) an der HUB kurz nach der Einheit ja auch auf Null gesetzt - keine Neuimmatrikulationen mehr. Kohl flog damals mit etlichen Wirtschaftsleuten nach China und wir liefen auf der grossen Studentendemo in Berlin ganz vorn mit einem riesigen Transparent: "Keine Verstaendigung ohne Sprache". Die Medien haben irgendwelche tieferen Sinne in dem Spruch gesucht, dabei meinten wir es so wie es da stand - denn wir waren nun mal die Sprachleute...
Man braucht aber keine Fremdsprache, um Verstaendnisprobleme zu bekommen, man merkt es bei der eigenen Sprache nur nicht unbedingt. Es ist halt die Muttersprache, wie koennte man die nicht verstehen? Natuerlich versteht man die Worte (meist jedenfalls), aber den Sinn? Gerade zur Einheit war ich in Japan zum Studium und ein Lehrer hatte fuer den Dolmetschunterricht das "Donnerstagsgespraech" per Satellit mitgeschnitten. Wir kannten die Sendung und dachten "Hey, kein Problem, die labern da doch nur rum, das machen wir mit links"...
Und dann kapitulierten wir ganz schnell. Man konnte diesen Muell naemlich nicht uebersetzen. Gerade im Japanischen kommt noch eine andere Satzstruktur dazu, aber auch bei Chinesisch waere es nicht moeglich gewesen und selbst bei Englisch (immerhin die gleiche Sprachfamilie) haetten wohl die meisten kapituliert, denn erst als wir das dolmetschen mussten, merkten wir, was fuer ein Muell da geredet wurde: Fast nie gab es einen kompletten Satz. Da wurde ein Satz angefangen, und ein ganz anderer beendet. Da wurde staendig mit hohlen Phrasen herumhantiert, aber selbst das meist nicht im vollen Satz. All das ist uns erst richtig bewusst geworden, als wir es uebersetzen mussten, davor hatten wir es nicht weiter beachtet. Seit der Zeit ist das so eine Art Berufskrankheit bei mir, dass ich das, was Leute in meiner Umgebung so sagen, im Kopf in eine andere Sprache uebersetze, es analysiere, umformuliere. Da setzt man dann einige Leute auf eine innere schwarze Liste, weil sie zwar viel reden, aber nichts sagen - und ein Dolmetscher wartet eigentlich darauf, dass etwas gesagt wird...
Tie One Up! wrote:Übrigens, wie viele Übersetzer/Dolmetscher hier unter uns sind?
Theoretisch bin ich einer, zumindest habe ich ein Blatt Papier, das sowas behauptet. Ich habe bisher allerdings meist Dinge gemacht, fuer die ich kein Blatt Papier hatte. Die hiesigen Ansprueche an "Dolmetscher" sind wohl nicht sehr hoch (man schaue nur mal auf Uni-Websites, wieviele Leute in den USA oder Australien irgendwas studiert haben, dann aber als eine ihrer Spezialfaehigkeiten "Interpretation"

, am besten noch in diversen Formen, anfuehren) und da ich kein schwarzes Haar habe, kann mein Japanisch sowieso nicht so gut sein, also habe ich mich zwar ein paar Male dolmetschenderweise betaetigt, aber nur, weil es in meinem Arbeitsumfeld Verstaendigungsprobleme gab. Bei manchen muss allerdings auch ich kapitulieren, was aber nicht unbedingt an der Sprache liegt...