Als Anwendungsentwickler (Fachinformatiker) nach Taiwan

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Als Anwendungsentwickler (Fachinformatiker) nach Taiwan

Postby bitsnbytes » 21 Jul 2010, 03:30

Hallo zusammen,

ich habe mich schon länger in diesem Forum umgeschaut und viele Beiträge gelesen, die so einiges an Fragen decken konnten, jedoch gibt es noch ein paar die ich gerne hier los werden möchte.

Zunächst einmal zu meiner Person.

Ich bin 22 Jahre alt und mache zurzeit eine Ausbildung zum Fachinformatiker in Anwendungsentwicklung. Meine Muttersprache ist Englisch, spreche aber mindestens genauso gut Deutsch, zumal ich mehr oder weniger in Deutschland aufgewachsen bin und auch lebe. Meine Ausbildung werde ich Mitte des nächsten Jahres abschließen und möchte daraufhin nach Taiwan ziehen, arbeiten und leben.

Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass meine Freundin dort lebt und ich natürlich nun, schon nach längerer Zeit, endlich mit ihr zusammenziehen möchte. Ein anderer Grund ist, dass mich das Land schon beim ersten Besuch unheimlich fasziniert und sich sofort nach Heimat angefühlt hat, zudem finde ich die chinesische Sprache einfach genial.

Seit ca. ein 3/4 Jahr bin ich jeden Tag dabei, mir Chinesisch autodidaktisch anzueignen (natürlich unter Beihilfe meiner Freundin) und bin immer mehr und mehr in der Lage mich schrittweise zu verständigen.

Zwar gibt es wohl sicher die Möglichkeit als Lehrer der englischen Sprache in Taiwan zu fungieren, nur programmiere ich für mein Leben gerne und möchte in diesem Bereich auch zukünftig meine Dienste erweisen können.

Und nun zu meinen Fragen.

Da ich jetzt natürlich die Bewerbungen im Fokus habe, wäre es interessant zu wissen, falls es Erfahrungen dazu geben sollte, wie die Chancen eines ausgebildeten Anwendungsentwicklers in Taiwan aussehen. Studiert habe ich nicht, und hatte ich (zunächst) auch nicht vor.

Bei der Bewerbung werden englische Übersetzungen, teilweise auch chinesische Übersetzungen des Zeugnises erwartet, gibt es einen in Taiwan anerkannten Übersetzungsdienstleister der in Deutschland tätig ist und mein Zeugnis entsprechend umschreiben könnte?
Ich kann natürlich beim Deutsch-Taiwanischen-Institut nachfragen, nur gibt es hier vielleicht paar Insider-Tipps, auch bezüglich der Kosten.

Wenn nun eine Bewerbung von mir bei einer Firma sich als interessant herausstellt und ich zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen werde (hoffentlich schon diesen Oktober, da ich in der Zeit wieder für zwei Wochen in Taiwan bin), was gäbe es dort zu beachten? Darf ich mich an die "Stricktheit" aber auch "Lockerheit" Deutschlands halten oder sind ganz andere Interview-Sitten am Start?


Ich hoffe, es war euch nicht allzu mühselig mein Thread zu lesen und hoffe auch das hier paar Erfahrungen, Ratschläge sowie Informationen gesammelt werden können.

Liebe Grüße,
bitsnbytes
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Re: Als Anwendungsentwickler (Fachinformatiker) nach Taiwan

Postby olm » 21 Jul 2010, 10:08

Hallo Bitsnbytes,

Einpaar Stichworte fallen mir ein, teils aus eigener Erfahrung, teils vom Lesen der Beiträge im englischen teil dieses Forums:

- Zum (legal - und nur das ergibt hier Sinn) Englisch lehren benötigt man wohl einen Pass aus einem Englischsprachigen Land... Da Deine Muttersprache Englisch ist, hast Du sowas ja eventuell in der Hinterhand

- Mein Eindruck ist: Für Jobs in TW, die nichts mit einer "Fremdsprache" (also alles außer chinesisch) zu tun haben, sollte man fließend Chinesisch sprechen. Ansonsten ist es natürlich am einfachsten, wenn eine ausländische Firma einen hier her schickt - aber warum jemand einen Anwendungsentwickler einstellen und gleich nach TW schicken soll wüsste ich jetzt nicht auf Anhieb...

- Ich habe mehrere Bewerbungsgespräche gesehen, und einpar dinge sind wirklich unterschiedlich: Es ist zum Beispiel ganz normal, offen über das letzte Gehalt beim vorigen Arbeitgeber zu reden. Also Du wirst halt gefragt: Und, was hast Du als letztes verdient? Und was willst Du hier verdienen? Ansonsten ist halt typischerweise bei den Arbeitsverträgen hier sehr wenig Urlaub dabei (10 tage oder so), zumindest verglichen mit den extrem üppigen 30 tagen in D. Wenn Du also mehr ahben willst, solltest Du verhandeln weniger Geld, aber mehr urlaub zu bekommen. generell kann man aber wohl oft einfach sagen: Ich hätte gerne nächste Woche frei, bezahlt mir halt eine Woche nix.

Ansonsten: Wie habt Ihr Euch den kennengelernt, und wie lange habt Ihr jetzt schon so eine Fernbeziehung? Ist sie hier in TW selbständig, oder wohnt sie (wie gefühlte 99% der unter-30-Jährigen) bei den Eltern? Ein Problem, was wohl viele leute haben, die ihrer Freundin nach TW folgen ist, daß sie sich zuhause ziemlich anders verhält als da, wo man sie kennengelernt hat - nicht weil sie plötzlich ein anderer Mensch ist, sondern weil mna halt zuhause zusammen mit den oft ser traditionellen Eltern (und speziell vor denen) bei weitem nicht so offen ist, wie z.B. beim Studien- oder Arbeitsaufenthalt außerhalb Taiwans. Das ist kein Grund zum nicht hierher kommen, sondern einfach als Vorwarnung, damit Du damit rechnest - falls es in deinem Fall überhaupt relevant ist.

Ansonsten viel Glück!
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Re: Als Anwendungsentwickler (Fachinformatiker) nach Taiwan

Postby engerim » 21 Jul 2010, 11:11

Moin,

ich war vor etwas mehr 5 Jahren in der gleichen Situation wie du (mein gelernter Beruf ist Datenverarbeitungskaufmann) allerdings hatte ich schon fünf Jahre Berufserfahrung.

An sich hast du drei Moeglichkeiten (da du noch in Deutschland bist):
1) Du findest eine deutsche Firma die dich nach Taiwan sendet. Aber das ist im Bereich "Anwendungsentwicklung" eher gar nicht der Fall. Trotzdem wuerde ich bei diversen Online Stellungsausschreibungen immer nach Taiwan suchen.
2) Du findest eine Firma in Hsinchu (wo die meisten IT Unternehmen sind)
3) Du findest eine Firma in Nangang (Taipei, Software Park)

Im direkten Vergleich zu "deutschen Verhältnissen" hast du:
Weniger Gehalt, Urlaub, Freizeit (Überstunden sind bei den meisten IT Unternehmen Standard)
Ein taiwanischer Berufseinsteiger (Softwareentwickler) verdient (nachdem was ich gesehen habe) maximal 50.000 TWD pro Monat. Dir wird vorgegauckelt werden "das es ja den Bonus gibt", aber das wird dadurch auch nicht "viel". Du solltest also sehen das du mit der Firma vereinbarst das sie dir zusätzlich einmal pro Jahr ein Economy Round Trip Ticket nach Deutschland bezahlen (home leave) + 7 Werktage extra Urlaub dafuer.

Trotz der "50K Grenze" solltest Du dich meines Erachtens nicht unter mindestens 80.000 TWD verkaufen (Verkauf dich nicht unter Wert) und sofort versuchen eine leitende Position einzunehmen.

Ich verdiene mittlerweile sehr viel mehr, bin nun aber Geschäftsführer im Bereich Business Development für Europa und Naher Osten (schreib keine Software mehr). Bekomme das genannte Round Trip Ticket und hab vereinbart ohne Bonus zu arbeiten.

Zum Thema Zeugnisse machst du dir zu viele Gedanken. Bring einfach die kopierten Originale mit. In all meinen Bewerbungen stand immer auf dem CV "References available on request". Bisher hat das keinen gekümmert.

Also:
- Sprich mit deiner Freundin wo du arbeiten solltest (welche Stadt, am besten eine wo viel IT ist)
- Überleg ob du nicht eine Firma in Deutschland finden kannst die dich entsendet (mehr Gehalt drin)
- Bei Zeugnissen reichen einfache Kopien, eine "Mappe" abzugeben ist sowas von 70er Jahre... :-)
- Verkauf dich nicht nur als Entwickler (Engineer/Developper) sondern auch als "Project Manager" der auch entwickelt.

Der ganze Kram wie Visa usw ist recht einfach. Du brauchst nur ein Business Visa (kein Landevisa!) von der Firma die dich eventuell einstellt und nach Taiwan hohlt. Danach kann der ganze ARC Papierkram von denen gemacht werden.

Für Taiwanische Unternehmen sind Fachkräfte gold wert. Insbesondere wenn du eine Firma findest die viele Kunden in Deutschland hat. Du brauchst kein Visa, sprichst deren Sprache, etc.
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Re: Als Anwendungsentwickler (Fachinformatiker) nach Taiwan

Postby bitsnbytes » 22 Jul 2010, 05:28

Ersteinmal ein großes Dankenschön für die Zeit, die ihr euch für mich genommen habt.

@olm
Ein Problem, was wohl viele leute haben, die ihrer Freundin nach TW folgen ist, daß sie sich zuhause ziemlich anders verhält als da, wo man sie kennengelernt hat - nicht weil sie plötzlich ein anderer Mensch ist, sondern weil mna halt zuhause zusammen mit den oft ser traditionellen Eltern (und speziell vor denen) bei weitem nicht so offen ist, wie z.B. beim Studien- oder Arbeitsaufenthalt außerhalb Taiwans. Das ist kein Grund zum nicht hierher kommen, sondern einfach als Vorwarnung, damit Du damit rechnest - falls es in deinem Fall überhaupt relevant ist.

Danke für deine Hinweise dazu. Darüber habe ich auch schon sehr vieles an Erfahrungen, positive sowie negative, in verschiedenen Foren lesen können und auch natürlich meine eigenen sammeln können. Bei uns ist jedoch jeder (wie auch die Familie, Eltern) mit einem offenen und einer unterstützenden Laune versehen.

Lehrer
Das (fast ausschließlich) nur ein Muttersprachler mit einem Nachweis als Lehrer in Frage kommt, habe ich auch öfters gehört, allerdings war mir der legale Aspekt neu. D. h. eine Person darf offiziell keine Sprache lehren wovon kein Staatsangehörigkeits-Nachweis vorliegt? Da ich Doppelstaatsangehöriger bin, sollten wohl paar Möglichkeiten anstehen, jedoch, wie vorher beschrieben, möchte ich den Weg als Lehrer eher vermeiden.

Bewerbungsgespräch
Also sollte ich schon lieber mit einer etwas strickteren Vorstellung bezüglich meiner Bezahlung und Urlaub zum Gespräch auftauchen. Ich bin von Person her doch sehr "humble" wenn es um so etwas geht; trotzdem ambitioniert genug, um das zu bekommen, was mir auch zusteht. Daher habe ich ein wenig die Sorge, dass ich geldgierig rüberkommen könnte, falls ich mich etwas verschätzen sollte. Oder sehe ich das zu eng, und es läuft in etwa so ab, dass man hoch anlegt und schrittweise runterhandelt?

Zeugnisse (@engerim)
Das heißt also, dass Übersetzungen vorerst nicht notwendig sind, oder habe ich dich da falsch verstanden?

Bei vielen Stellenausschreibungen für/in Taiwan bemerkt man, dass fast immer mindestens ein Bachelor im ensprechendem Gebiet vorausgesetzt wird. In wie weit ist dies für die Bewerbung in der Praxis relevant? Werden Bewerber, die solche Voraussetzungen nicht erfüllen, einfach ignoriert oder gibt es Ausnahmen oder sogar eine ganz andere Tendenz in der Beziehung? Wie im ersten Beitrag geschildert, würde ich gerne weiterarbeiten und ein Studium (wenn überhaupt) erst später in Erwägung ziehen.

Bewerbungen
Darf ich mich an den Bewerbungsstandards Deutschlands halten, sprich entsprechende Formalitäten einzuhalten, jedoch in gewissen Maßen zwangslose, persönliche Inhalte (z. B. Wünsche, Erwartungen oder Erfahrungen) miteinbringen, damit auch der Mensch zum Vorschein kommt, oder geht es um den reinen Dienstleistungs-Verkauf in solchen Anschreiben? Selbstverständlich möchte man auf sich aufmerksam machen, trotz alledem wäre es interessant zu wissen, wie die Erwartungen seitens der Unternehmen aussehen (könnten).


Ich hatte natürlich auch das ein oder andere Gespräch mit meiner Freundin über das Thema Arbeit und wo es sinnvoll wäre, sich umzuschauen. Hsincho sowie Taipei waren mir als allererstes in den Gedanken gekommen, nur wohnt meine Freundin (bzw. wir) im Süden, im Umkreiss Tainan County, um genau zu sein. Allerdings, bin ich sehr flexibel (schon wegen meiner jetzigen Ausbildung) und habe keine Probleme damit, längere Strecken über Stunden für die Arbeit zurückzulegen. Daher suche ich schon eher flächendeckend nach einem Job, aber primär in der Nähe des Wohnortes.

Ich wäre auch bereit, ersteinmal in einer anderen Branche tätig zu werden und mich vielleicht nebenher auch zuerst die Sprachfähigkeit soweit auszuweiten, dass für mich später auch Stellenangebote einheimischer Firmen in Frage kommen würden. Und vielleicht stellt sich die andere Branche sogar als Favorit heraus, worin ich mich dann auch weiterentwickeln möchte.


Nochmals Danke für eure sehr hilfreichen Beiträge!
Die vorgeschlagenen Job-Such-Vorgehensweisen (insbesondere die Deutschland-Kombination), werde ich definitiv nachgehen und auch die Sache mit dem Project Manager sind weitere Überlegungen wert.
Danke!
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Re: Als Anwendungsentwickler (Fachinformatiker) nach Taiwan

Postby engerim » 22 Jul 2010, 10:06

bitsnbytes wrote:Zeugnisse (@engerim)
Das heißt also, dass Übersetzungen vorerst nicht notwendig sind, oder habe ich dich da falsch verstanden?

Ich hatte damals bei 5 Firmen Vorstellungsgespräche (alle in Hsinchu). Keiner wollte Zeugnisse sehen. Wie gesagt auf dem CV "References available on request" sollte reichen und bring halt eigenständige Übersetzungen auf Papier mit falls jemand das braucht. Das sind die "Details".
bitsnbytes wrote:Bei vielen Stellenausschreibungen für/in Taiwan bemerkt man, dass fast immer mindestens ein Bachelor im ensprechendem Gebiet vorausgesetzt wird. In wie weit ist dies für die Bewerbung in der Praxis relevant?
Nein, das ist Schwachsinn der jeweiligen Human Resource Abteilungen.
Als jemand mit einer deutschen Berufsausbildung bist du genauso gut, wenn nicht besser als jeder mit einem Confuzianischem-Bachelor die erst mal lernen müssen selber zu denken. Du solltest auf keinen Fall hervorheben das du "nur" Berufsanfänger bist. Durch das "duale Bildungssystem" was du in Deutschland gewählt hast bist du ja schon mit drei Jahren Berufserfahrung dabei.

bitsnbytes wrote:Werden Bewerber, die solche Voraussetzungen nicht erfüllen, einfach ignoriert oder gibt es Ausnahmen oder sogar eine ganz andere Tendenz in der Beziehung? Wie im ersten Beitrag geschildert, würde ich gerne weiterarbeiten und ein Studium (wenn überhaupt) erst später in Erwägung ziehen.

Denke du wirst dich meistens spontan bewerben und nicht unbedingt auf eine "Stelle". Bei der miesen Organisation die in Taiwan herrscht ist es sowieso meistens besser sich spontan zu bewerben.

bitsnbytes wrote:Darf ich mich an den Bewerbungsstandards Deutschlands halten, sprich entsprechende Formalitäten einzuhalten, jedoch in gewissen Maßen zwangslose, persönliche Inhalte (z. B. Wünsche, Erwartungen oder Erfahrungen) miteinbringen, damit auch der Mensch zum Vorschein kommt, oder geht es um den reinen Dienstleistungs-Verkauf in solchen Anschreiben?

Komm bloss nicht mit einer Krawatte zu den Vorstellungsgesprächen. :)
Und da du aus einer anderen Kultur kommst werden sich die meisten erst mal dafür interessieren was du darüber denkst das Deutschland den dritten Platz in der WM hatte. Du hast mehr Spielraum als ein Taiwaner und die meisten sind, wie du sicherlich weisst, zu den Langnasen sehr nett.

bitsnbytes wrote:Nur wohnt meine Freundin (bzw. wir) im Süden, im Umkreiss Tainan County, um genau zu sein. Allerdings, bin ich sehr flexibel (schon wegen meiner jetzigen Ausbildung) und habe keine Probleme damit, längere Strecken über Stunden für die Arbeit zurückzulegen.
Der Süden und IT ist schwierig. Jeden Tag mit dem Zug oder Auto beim Verkehrsaufkommen hier, fahrweise, und wie gesagt sehr warscheinlichen Überstunden... kann das schnell zur Qual werden. Miete dir lieber ein Appartment mit deiner Freundin in Hsinchu oder Taipei. Dann hast du auch Ruhe von der taiwanischen Familie. :)
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Re: Als Anwendungsentwickler (Fachinformatiker) nach Taiwan

Postby GC Rider » 22 Jul 2010, 17:53

Nun, wenn ich mal meinen Senf dazu abgeben duerfte...

Ich glaube, generell ist es momentan nicht gerade einfach in Taiwan einen guten (sprich gut bezahlten und einigermassen humanen) Job zu bekommen. Das trifft, denke ich mal, fast alle Branchen und IT ist da keine Ausnahme. Wie hier im thread bereits erwaehnt, sind die Gehaelter im Vergleich zu Deutschland sehr viel niedriger (was natuerlich durch niedrigere Lebenshaltungskosten zum Teil wieder ausgeglichen wird, aber halt nur zum Teil). Das von engerim genannte Maximalgehalt von 50K im Monat fuer einen Berufseinsteiger im IT-Bereich stimmt mit meinen Beobachtungen etwa ueberein. Das bedeutet aber auch, dass das Durchschnittsgehalt in der Regel weit darunter liegt. Hiesige Hochschulabsolventen konkurrieren teilweise um Jobs, die nur mit 20-30K verguetet werden. Das muss nicht unbedingt im IT-Bereich so sein, wo Taiwan weltweit relativ gut positioniert ist. Jedoch muss dir klar sein, dass die Konkurrenz unter den taiwanischen IT-Berufseinsteigern sehr gross ist, sprich es gibt ein enormes Ueberangebot an IT-Ingenieuren, Softwareentwicklern, etc., was von IT-Unternehmen natuerlich gerne ausgenutzt wird (ich arbeite selbst in einem IT-Unternehmen, jedoch nicht im technischen Bereich). Deshalb musst du damit rechnen, dass du ein (nicht nur fuer deutsche Verhaeltnisse) sehr bescheidenes Gehalt angeboten bekommst (etwa um die 40K) verbunden mit regelmaessigen (sprich taeglichen) Ueberstunden (natuerlich unbezahlt). Aus meiner Erfahrung ist das hier der voellig normale Alltag fuer IT-Spezialisten und die Bewerber auf solche Positionen sind sich dessen voll bewusst. Das muss aber nicht zwangslaeufig so sein. Es gibt in Taiwan natuerlich auch die Ueberflieger IT-Spezialisten, die ein Jahresgehalt von 4 Mio NTD + 2 Mio NTD Bonus bekommen. Wenn du es wirklich drauf hast und dazu die richtige Portion Glueck hast, kannst du bei solch einem Unternehmen (zB Mediatek) landen. Natuerlich wird auch in diesem Fall (oder vielleicht erst recht) von dir erwartet, dass du Ueberstunden bis zum Umfallen machst. Diese Leute haben ihr Geld also wahrhaftig durch Tag- und Nachtarbeit verdient.

Viele Leute hier gehen davon aus, dass Auslaender (sprich Westler) automatisch hoehere Gehaelter bekommen als die hiesigen Bewerber. Darauf wuerde ich allerdings nicht vertrauen. Generell gilt, wie auch ueberall, dass die Verguetung direkt proportional ist zu dem Nutzen, den du dem Unternehmen bringst. Die Unternehmen sind da sehr realistisch. Das staerkste Argument fuer die Einstellung eines Auslaenders ist haeufig die (aus taiwanischer Sicht) Auslandserfahrung, die jedoch auch hier spezifisch auf die konkrete Arbeit ausgerichtet sein muss, sowie gute Fremdsprachenkenntnisse. Letzteres ist der Grund dafuer, warum wohl die Mehrzahl der Westler in Taiwan als Englischlehrer/in arbeiten. Stellen im Bereich "Technical Writing" (mir faellt jetzt der deutsche Begriff nicht ein) sind ebenfalls stark auf Auslaender ausgerichtet. Evt waere das was fuer dich als Alternative wenn es mit deinem Wunschjob nicht klappt.

Was deine Situation angeht, so kann ich mir gut vorstellen, dass du hier in relativ kurzer Zeit einen Job findest. Allerdings solltest du, wie schon oben angedeutet, nicht mit zu hohen Erwartungen kommen. Die von engerim erwaehnten 80K im Monat und leitende Position duerften wirklich sehr sehr selten sein (eigentlich nur schwer vorstellbar) fuer einen 22 jaehrigen Berufseinsteiger frisch von der Uni bzw Fachschule und (noch) ohne brauchbare Chinesischkenntnisse. Taiwan ist auch sehr konservativ wenn es um den Bildungsgrad angeht, dh wenn du nachweisen kannst, dass du einen Studienabschluss von einer beruehmten Uni (Stanford, Harvard, etc) hast, am besten mit Masterabschluss oder (das nonplusultra hier) promoviert (PhD) bist, dann erhoehen sich sowohl die Chancen auf Einstellung ganz dramatisch wie auch das Einstiegsgehalt. Uebrigens wird der Mastertitel hier meist vorausgesetzt fuer bessere Jobs, da den hier fast jeder hat, auch wenn man ueber die Qualitaet und den Wert dieses Titels streiten kann. Du musst auch wissen, dass die Zahl der Unternehmen, die sich "Extragehaelter" von 80K etc im Monat fuer Auslaender leisten koennen, eher ueberschaubar ist. Die grosse Masse der IT-Firmen sind SMEs, also mittelstaendische Unternehmen, die nicht wirklich das Budget fuer teure Auslaender haben (vergleiche Bundesliga).

Was die Verhandlung im Bewerbungsgespraech angeht, kannst du natuerlich versuchen, mehr Urlaub rauszuholen als Ausgleich fuer geringeren Lohn. Allerdings sind die Arbeitgeber hier auch nicht dumm. Die wissen natuerlich, dass das dem Unternehmen direkt schadet, wenn du etwa 30 Urlaubstage bekommst und alle anderen Berufseinsteiger bekommen die gesetzlichen sieben Tage (gewoehn dich lieber schonmal an den Gedanken von sieben Urlaubstagen im Jahr). Ich halte das eher fuer unrealistisch, dass ein Arbeitgeber das mitmacht. Dann muesstest du fuer die Firma schon absolut unentbehrlich sein (vergleiche Ronaldo bei Real Madrid). Ich gebe zu, es wird nicht leicht sein, im Vorstellungsgespraech einerseits die noetige Bescheidenheit zu demonstrieren, andererseits dich auch nicht unter Wert zu verkaufen. Aber dein Wert haengt haeufig von objektiven Umstaenden ab. Du kannst also noch so der Crack auf deinem Gebiet sein oder dich dafuer halten. Solange du das nicht mit Berufserfahrung (in Jahren und am besten mit Arbeitgeberzeugnissen dokumentiert), Studienzeugnissen oder Arbeitsproben etc nachweisen kannst, bist du hier leider auf dem Arbeitsmarkt ein nobody, Auslaender hin oder her. Ich wuerde mich also gedanklich eher an die 50K mit viel Ueberstunden orientieren als an 80K und ruhige Kugel. Ist leider so. Ich wuensch dir auf jeden Fall viel Glueck!
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Re: Als Anwendungsentwickler (Fachinformatiker) nach Taiwan

Postby bitsnbytes » 23 Jul 2010, 05:56

@engerim
Der Süden und IT ist schwierig. Jeden Tag mit dem Zug oder Auto beim Verkehrsaufkommen hier, fahrweise, und wie gesagt sehr warscheinlichen Überstunden... kann das schnell zur Qual werden. Miete dir lieber ein Appartment mit deiner Freundin in Hsinchu oder Taipei. Dann hast du auch Ruhe von der taiwanischen Familie. :)
Das ist eine Überlegung, die je nach Arbeitsstandort, natürlich auch noch mit ins Spiel kommt, aber meine Freundin scheint da recht flexibel zu sein und ich hätte eigentlich auch keine großen Probleme damit auf täglicher Basis längere Strecken zurückzulegen, zumal ich das hier schon gewohnt bin.


Bezüglich den Bildungs- / Studiennachweisen. Das ist schon einmal etwas beruhigend zu wissen, dass man nicht gleich abgestoßen wird, falls gewisse offizielle Bildungskriterien nicht vorliegen. Allerdings ist mir auch klar, dass entsprechende Studienabgänge bzw. nachweisbare Arbeitserfahrungen goldwert für Gehaltsverhandlungen sein können (meistens sind). Ich würde aber behaupten, dass das schon fast überal auf der Welt so ist, die Chancen sich allerdings von klein auf unter Beweis zu stellen, ist natürlich von Land zu Land doch sehr unterschiedlich.

Dass die Bezahlungen gerne in Vordergrund geschoben werden, wenn es um die Arbeitssuche geht, ist verständlich.
Dennoch kann ich damit leben, wenn das Geld fürs gesunde Leben reicht, ich jedoch auch Spaß an der Arbeit habe, was in meinem Berufsfeld für mich persönlich nur der Fall sein kann, da ich eben mein Hobby zum Beruf (zur Ausbildung) gemacht habe. Zudem glaube ich, dass Überstunden einfach ein Bestandteil der Arbeit eines Anwendungsentwicklers ist, und wenn die Arbeit einen auch Freude bereitet, kann man auch darüber "unbezahlt" hinwegsehen. Natürlich auch davon abhängig, welche Firmenphilosophie verfolgt wird.

Danke GC Rider für deinen sehr informativen Post. Auf jeden Fall ein sehr interessanter Einblick!
Auch das Stichwort "Technical Writing" wäre durchaus ansprechend.
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Re: Als Anwendungsentwickler (Fachinformatiker) nach Taiwan

Postby hiker » 23 Jul 2010, 21:36

Hallo,

zu den vorherigen Ratschlaegen von den Langjaehrigen ist fast nicht hinzuzufuegen.

Habe einmal jemanden mit einem kleinen Trick geholfen: Wenn Du im dualen Ausbildungssystem bist, haelst Du Dich oft in einer Firma zu praktischen Lernen auf. Lass Dir von Deinem Chef irgendeine arbeitszeugnisaehnliche Bescheinigung in englischer Sprache geben. Sicher soll nicht direkt "Arbeitszeugnis" draufstehen, aber auch nicht "Lernzeugnis", irgendwas dazwischen. Etwas beschoenigen, ohne zu betruegen. Die Taiwansesen verstehen unser System schlichtweg nicht und denken, Du wuerdest wie viele hier neben den Masterstudium arbeiten.

Berufserfahrung kann naemlich fuer das working permit wichtig sein. Im uebrigen haben auch Taiwanesen wenig Lust, einen Anfaenger auszubilden. Bist Du zwar nicht, aber die meisten Taiwanesen haben nach ihrem Studium ueberhaupt keine praktische Erfahrung und sind sehr kindlich.

Weiterer kleiner Tip: In Taiwan gibt es 2 Gruppen von Auslaendern, solche die das Leben hier wirklich moegen, und solche, die Taiwan strikt ablehnen. Zu letzteren lies mal hier ein paar englische topics. Zwischen beiden Gruppen findest Du selten Personen. Fahr mal 3 Wochen her und schau Dir Taiwan an - eigenwilliges Land.

Zuletzt, Dein Wert liegt in Deiner Fremdsprachenkenntnis (Englisch-Deutsch-Chinesisch - die fallen aus den Schuhen) und Deiner Herkunft, ITler koennen die selber ausbilden. Die brauchen eher jemanden im Org.bereich mit technischen Hintergrund.
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Re: Als Anwendungsentwickler (Fachinformatiker) nach Taiwan

Postby bitsnbytes » 24 Jul 2010, 05:42

Danke für deinen Beitrag Hiker.

Das mit dem Arbeitszeugnis bzw. eine Art "Empfehlungsschreiben" hatte ich auch schon vor bei meiner Firma zu erfragen, ansonsten hätte ich nur mein Berufsschulzeugnis sowie die davor absolvierten Abschlusszeugnisse anzubieten, die mit Praxiserfahrung jedoch gar nichts zu tun haben

Organisatorische Tätigkeiten im Bezug auf den technischen Bereich wäre auch nicht uninteressant. Danke für die Idee!


Bewerbungszeitpunkt
Wenn ich es richtig herausgelesen habe, macht es also wenig Sinn sich ein Jahr vor Anstellung zu bewerben?
Wäre es damit jedoch zu "entschuldigen", wenn ich eben zu unterschiedlichen Zeitpunkten Taiwan bin (da ich meine Freundin besuche) und diese Zeit dann auch für die Bewerbungsgespräche nutzen möchte?

Wie sieht es aus, wenn man ohne jegliche Bewerbung bei einer Firma auftaucht und spontan um einen Gespräch bittet. Werden solche Aktionen gleich abgewießen oder kann auch dies als Jobsuch-Möglichkeit angesehen werden?

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Re: Als Anwendungsentwickler (Fachinformatiker) nach Taiwan

Postby hiker » 24 Jul 2010, 07:03

Hallo,

Taiwanesen sind sehr kurzfristig orientiert. In kleineren Firmen laeuft das so ab, dass die in www.104.com.tw announcieren, kurze Bewerbungsfrist, alles per Email. Wenn Du innerhalb von 2 Wochen nichts hoerst, besteht kein Interesse an Deiner Bewerbung. Falls Interesse: Telefonanruf , koennen Sie diese Woche kommen?

Direkt vor der Tuer erscheinen, bringt nichts. Chef ist nicht da, fuehlt sich ueberrumpelt etc. Besser sind Telefon und Email.

Hier ist mehr ein Diskussionsforum, wo Du natuerlich gern fragen kannst. Bei Xing existiert eine Germany Taiwan Social Club- Gruppe, wo Du sogar Stellensuche reinsetzen kannst. Da lesen es westliche Firmenangestellte.

Einige von uns (auch ich) haben so angefangen, dass sie erst mal zum Sprachstudium hergekommen sind. Dafuer erhaelst Du recht muehelos ein Visa, Kosten sind ueberschaubar. In dieser Zeit kannst Du in Ruhe auf Suche gehen. Hier gibt es dann Deutschen-Treffen, wo es Dir keiner uebel nimmt, wenn Du mal anfragst, ob die Stellen oder einen Vorschlag haben.
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